Listwanka – Baikalsee

Silberstreif am Horizont
Silberstreif am Horizont

Hier erstmal einige Daten, um in die richtige Stimmung zu kommen:

Der Baikalsee ist ca. 30 Mio. Jahre alt und Teil eines Grabenbruchs, der die tektonischen Platten immer weiter auseinander driften läßt. Daher gibt es fast

Ein Wunder der Natur
Ein Wunder der Natur

täglich kleinere oder selten größere Erdbeben. Er wächst um 2cm pro Jahr und wird irgendwann als Meer Asien in zwei Hälften teilen. Mit einer Tiefe von 1.700m ist er nicht nur der älteste und größte Süßwassersee (636km lang), sondern auch der tiefste.

Einziger Abluss: Angara
Einziger Abluss: Angara

336 Flüsse speisen ihn und nur die Angara fließt ab. Mit 23.000 Kubik-kilometer Wasser faßt er zweimal soviel wie die Nordsee und die gesamte Menschheit könnte 50 Jahre lang an ihm ihren Durst stillen. Allein 1.350 endemische Arten leben in und um ihn (insgesamt 3.500). Die auffälligste ist die

Baikalrobbe
Baikalrobbe

Baikalrobbe, die einzige Süßwasserrobbe der Welt, die vor Urzeiten vom Meer eingewandert ist, bis ihr der Rückweg versperrt wurde. Sie kann bis zu 200m tief tauchen und über eine Stunde ohne Luft auskommen.

Das „Herz Sibiriens“ (UNESCO Weltkulturerbe) lockt jedes Jahr Unmengen an inländischen und ausländischen Touristen. Ich hatte mir in etwa Sylt vorgestellt – Pustekuchen. Ja, Sylt, aber nach drei Wirbelstürmen und einem Atomkrieg! Die maroden

Häuschen liegen zusammengewürfelt entlang des Ufersaums, als ob eine Riese auf seinem Weg

Räucherbuden an jeder Ecke
Räucherbuden an jeder Ecke

Brotkrümel verstreut hätte. Auf 50m Metern ballt sich das „Zentrum“. Hier haben findige Russen ein paar Bretterbuden aufgestellt, in denen sie neben dem Klassiker Omul und 300 Varianten von Stofftierrobben, völlig sinnlosen Tinnef zu völlig absurden Preisen anbieten. Dieser wird ihnen jedoch von den Horden täglich einfallender Tagestouristen dankbar aus den Händen gerissen. Neben den Russen sind dies vor allen Dingen Chinesen und Franzosen.

Vor dieser großartigen Naturkulisse spiegelt sich in hartem Kontrast das recht profane Treiben der Menschen. Fast unerträglich war die Vorstellung im Nerpiarium (Nerpa = Robbe). Hier müssen zwei traumatisierte Robben in einer Art Schwimmbad vor frenetisch kreischenden russischen Touristen unerträgliche Späßchen aufführen – ich war für den Rest des Tages deprimiert. Dafür konnte das

Archaischer Plattwurm
Archaischer Plattwurm

Limnologische (griech. = See) Institut mit toll inszenierten Informationen aufwarten – leider alles in russisch. Daher bin ich drei Mal durch das gesamte Institut gelaufen, einmal allein, einmal mit einer Führerin aus dem Institut und noch einmal mit einer externen Führerin, die noch andere Dinge erzählt hat. Hier ein paar Highlights:

Omul: 7 Jahre zur Geschlechtsreife, 11 Jahre ausgewachsen
Omul: 7 Jahre zur Geschlechtsreife, 11 Jahre ausgewachsen

Der Omul braucht 11 Jahre bis er ausge-wachsen ist, da das Wasser (oben 14, unten 4 Grad) so kalt ist. Der Ölfisch (Leibspeise der Robben) ist ovovivipar. In 1600m Tiefe Leben Amphipoden

Amphipoden
Amphipoden

(Flohkrebse) von 6cm Größe, die aussehen wie Aliens und alles an Kadavern (inkl. Knochen) vertilgen. Daher werden auch Ertrunkene nie geborgen.

 

Wenn man mit der Fähre auf die andere Seite übersetzt, kommt man nach Port Baikal – ein Dorf wie vom selben Riesen aus dem rechten Nasenloch gerotzt. Hier dämmern schrottreife Boote vor sich hin und träumen von besseren Tagen, dabei sehen ihnen teilnahmslos und phlegmatisch die Einwohner zu.

Immer am Ufer entlang
Immer am Ufer entlang

Interessant ist hier nur die Zirkumbaikalia – die alte Strecke der Transsib, damals eine Meisterleistung. Heute verkehrt auf ihr nur zweimal am Tag ein Touristenzug im Schneckentempo, so dass man problemlos zur Seite gehen kann, wenn ein Zug herankriecht. Ich bin so 20km auf den Gleisen hin und

zurück gelaufen, durch ein Meer von Schmetterlingen, die die reichen Wiesen bevölkern. Außer mir nur ein paar Ausländer, die Russen sind gleich an der ersten Bucht zum Essen und Trinken kleben geblieben. Meine

besten Freunde auf dem Trip waren ca. 10 Bremsen, die die ganze Zeit versucht haben, eine Mahlzeit zu

Bremsen
Bremsen

schnorren. Unglaublich widerwärtige Biester, die das personifizierte Böse in Insektengestalt sind. Eine hat mit ihrem Leben bezahlt und eine andere hatte Erfolg am Buffet.

Der schönste Tag war die Wanderung entlang des alten ewenkischen Handelsweges. Wobei ich die erste

Naturpark
Naturpark

Zeit ziemlich angespannt war, da es am Baikalsee Bären gibt und mir eine Frau erzählt hat, daß manchmal sogar Bären nach Listwanka kommen. Ich habe also in völliger Einsamkeit im tiefsten Märchenwald mit einem Stöckchen angsterfüllt gegen Bäume geschlagen, um mich bemerkbar zu machen (Bären mögen keine Überraschung). Nach drei Stunden habe ich zwei Jungs aus Kalifornien – Adam und Dennis – getroffen, die mir erzählt haben, daß

vom nächsten Ort eine Fähre um 18 Uhr nach Listwanka geht. Somit konnte ich noch weitere drei Stunden entlang des Sees laufen und endlich auch die einmalige Natur genießen, da ich mit den Jungs keine

Küstenlinie
Küstenlinie

Angst mehr hatte. Außerdem haben wir uns die ganze Zeit angeregt unterhalten, was eine schöne Unterbrechung meiner Einsamkeit war. Um 17 Uhr kamen wir dann in Bolschoje Koty an, einem noch

größeren Dreckskaff als Port Baikal, das nur per Boot zu erreichen ist. Hier haben wir die müden Beine nach 27km Wanderung entspannt und uns auf die Fähre gefreut, da wir ziemlich fix und alle waren. Leider gab es um 18 Uhr keine Fähre, da Montags die Fähre nicht fährt – kurz war ich den Tränen nahe. Dann habe ich einen Fischer angequatscht und uns mit meinen rudimentären Russischkenntnissen ein Boot besorgt.

Adam und ich
Adam und ich

Da die Jungs kein Wort russisch konnten, waren sie sehr froh, mich getroffen zu haben. Es kam dann nach einem Telefonat in 5 Minuten eine kleine grüne Nußschale mit Außenbordmotor angejuckelt. Statt der vereinbarten 3000 Rubel (1000 pro Nase) wollte der gute Mann kurzfristig 5000 Rubel haben. Als ich meinte, soviel haben wir nicht, war es sofort wieder vom Tisch. So hat alles noch gut und sehr russisch geendet.

2 Gedanken zu „Listwanka – Baikalsee“

  1. In Kanada tragen einige Leute so kleine Fingerringe mit Glöckchen, damit die Bären sie rechtzeitig hören – und dann meist verschwinden, weil sie keine Lust auf Menschen haben bzw. keinen Hunger 😉

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